Text: Georg Herwegh
Melodie: Hans von Bülow
"Bet' und arbeit'!" ruft die Welt.
Bete kurz, denn Zeit ist Geld!
An die Türe pocht die Not.
Bete kurz, denn Zeit ist Brot!
Und Du ackerst und Du säst,
und Du nietest und Du mähst,
und Du hämmerst und Du spinnst.
Sag', oh Volk, was Du gewinnst!
Wirbst am Webstuhl Tag und Nacht,
schürfst im Erz- und Kohlenschacht.
Füllst des Überflusses Horn.
Füllst es hoch mit Wein und Korn.
Doch wo ist Dein Mahl bereit'?
Doch wo ist Dein Feierkleid?
Doch wo ist Dein warmer Herd?
Doch wo ist Dein scharfes Schwert?
Alles ist Dein Werk, oh sprich,
alles - aber nicht für Dich!
Und von allen nur allein,
die Du schmiedest, die Kette Dein!
Kette, die den Leib umstrickt,
Die dem Geist die Flügel knickt,
Die am Fuß des Kindes schon
klirrt – o Volk, das ist dein Lohn.
Was ihr hebt ans Sonnenlicht,
Schätze sind es für den Wicht;
Was ihr webt, es ist der Fluch
für euch selbst – ins bunte Tuch.
Was ihr baut, kein schützend Dach
hat’s für euch und kein Gemach;
was ihr kleidet und beschuht,
tritt auf euch voll Übermut.
Menschenbienen, die Natur,
gab sie euch den Honig nur?
Seht die Drohnen um euch her!
Habt ihr keinen Stachel mehr?
Mann der Arbeit aufgewacht
und erkenne Deine Macht!
Alle Räder stehen still,
wenn Dein starker Arm es will!
Deiner Dränger Schaar erblaßt,
Wenn du, müde deiner Last,
in die Ecke lehnst den Pflug,
Wenn du rufst: Es ist genug!
Brecht das Doppeljoch entzwei:
brecht die Not der Sklaverei,
brecht die Sklaverei der Not!
Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!
Als am 23. Mai 1863 der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) gegründet wurde und Ferdinand Lasalle zum ersten Präsidenten gewählt wurde, bat er den Dichter Georg Herwegh (1817-75), einen im Exil in der Schweiz lebenden Schriftsteller und Publizisten, um ein "kämpferisches und zugkräftiges" Bundeslied. Es ist das erste Lied der politisch organisierten deutschen Arbeiterbewegung! Die Worte Herweghs, des Dichters der 48er Revolution und Mitarbeiters der Rheinischen Post, zur Zeit als Karl Marx deren Chefreadkteur war, wurden mehrere Male vertont, unter anderem auch von dem bekannten Dirigenten Hans von Bülow 1863, der die Melodie unter dem Pseudonym "W. Solinger" veröffentlichte. Bülow, Schüler Richard Wagners und Schwiegersohn Franz Lizst', war pikanterweise preußischer Hofpianist. Seine Komposition war ein eher widerwilliger Freundschaftsdienst für Ferdinand Lassalle, den er unter Wahrung seiner Anonymität leistete.
Seine Melodie konnte sich jedoch nie durchsetzen. Meistens wurde es nach der Melodie von "Schleswig Holstein stammverwandt" gesungen.
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