letzte Änderung am Montag, den 5. Oktober 2009 von Claus Weigel
Betriebsrat Oerlikon erzwingt vor Gericht eine Einigungsstelle für einen Sozialplan
Ebersbach, Mai 2009
Der Betriebsrat von Oerlikon konnte vor dem Arbeitsgericht in Aalen einen Erfolg für sich verbuchen. Das Gericht hat die Errichtung einer Einigungsstelle für Recht erkannt. Zum Vorsitzenden der Einigungsstelle wurde Lothar Jordan, Vorsitzender Richter am Arbeitsgericht Mannheim, bestimmt.
Die Beschäftigten haben die Schnauze voll. Wegen der angeblichen Unterschlagung von einem Pfandbons über 1,30€ wird eine Beschäftigte gekündigt. Bänker und Unternehmer versenken Milliarden und bekommen Bonuszahlungen und fette Renten.
Banken bekommen einen Schutzschirm über 500 Mrd. Euro - Beschäftigte bekommen die Kündigung.
Auch im Kreis Göppingen beabsichtigen immer mehr Firmen Beschäftigte zu kündigen.
1400 Beschäftigte von Grüner Systemtechnik, Plattenhardt, Saxonia, WMF, Hörauf, Strassacker, Allgaier, Greiner Wangen, Oerlikon Zinser, Schuler Pressen, Schuler Guß, Ex-Cell-O, Boehringer, odelo Deutschland, Voest Alpine Dancke, proLog und Märklin kamen um gegen diese Politik zu demonstrieren und für die Forderung nach einem Schutzschirm für Beschäftigte.
Und nicht zuletzt um die Heidelberger in Amstetten solidarisch in ihrer Auseinandersetzung um Arbeitsplätze zu unterstützen.
Auch die Bürgermeister aus Amstetten und Lonsee, H. Grothe und H. Ocker, nahmen an der Kundgebung teil.
Die größte Schweinerei erlebten sechs Betriebsräte von proLog, die von ihrem Geschäftsführer eine mündliche Kündigung erhielten, weil sie sich nicht abringen ließen an der Kundgebung teilzunehmen. Die Anwesenden versicherten den Kolleginnen und Kollegen ihre Solidarität und sagten zu notfalls auch vor der WMF zu demonstrieren.
Bernd Rattay, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Göppingen-Geislingen, sparte nicht mit Kritik an Banken und gierigen Aktionären. Es wäre an der Zeit, dass diese Herren, den Schaden den sie angerichtet haben, bezahlen, so Rattay.
Die Politik forderte er auf einen Schutzschirm für Beschäftigte in Höhe von 100 Mrd. Euro aufzuspannen.
Gunther Heller, Betriebsratsvorsitzender von Heidelberger Amstetten, forderte seinen Heidelberger Vorstand auf, auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten. Danach sei der Betriebsrat bereit Verhandlungen aufzunehmen. Der vom Heidelberger Vorstand geforderten Verschiebung der Tariferhöhung vom Mai diesen Jahres erteilte er eine klare Absage. Wer Leute entlassen wolle könne nicht auch noch die Beschäftigten abkassieren.
Jürgen Falkenstein, Betriebsratsvorsitzender von Oerlikon Zinser, stellte ungeschönt die Situation der Beschäftigten in Ebersbach dar. Die Situation sei nahezu aussichtslos, aber die Belegschaft wolle nicht einfach aufgeben. Alle Möglichkeiten würden genutzt um Verbesserungen für die Beschäftigten zu erreichen. Beim letzten Arbeitsgerichtstermin seien so viele mitgekommen, dass Gerichtsbeschäftigte die Statik des Sitzungsraumes überprüfen mußten.
Jürgen Peters, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender der WMF, beklagte, dass WMF bei guter Gewinnsituation die Beschäftigten schröpfen wolle. Trotz Rekordgewinnen in 2007 und 2008 und Rekordbonuszahlungen an die WMF - Vorstände.
Nach Ende der Kundgebung marschierten die Heidelberger/innen geschlossen zu ihrer Betriebsversammlung, die ab 13 Uhr stattfand.
Heute über 22.000 im ganzen Land bei Kundgebungen der IG Metall - 1400 in Amstetten
Aktionswoche der IG Metall Baden-Württemberg geht weiter
Stuttgart – IG Metall-Bezirksleiter Jörg Hofmann hat die Banken als Mitverantwortliche der aktuellen Wirtschaftskrise scharf angegriffen. Sie würden in immer mehr Unternehmen massiv Druck aufbauen und künftige Finanzierungszusagen für die Firmen an den Abbau von Beschäftigung knüpfen, sagte er heute Vormittag auf einer Kundgebung vor 8.000 Beschäftigten des Daimler-Werkes in Sindelfingen. Hofmann warnte Banken, Firmen und Anteilseigner davor, die Folgen der Krise auf den Rücken der Beschäftigten abzuwälzen. „Es kann nicht sein, dass die deutschen Banken die fast 500 Milliarden an Steuergeldern, die im Schutzschirm stecken, nutzen um ihre Bilanzen zu sanieren.“
Hofmann forderte von der Politik weitere Maßnahmen zur sozialen Absicherung der Beschäftigten in der Krise. „Hierzu gehört die Verlängerung von Konjunktur- und Transferkurzarbeitergeld auf 24 Monate, die Verlängerung der Bezugsdauer von Arbeitslosengeld I um 12 Monate und vor allem muss die Beschäftigungsbrücke zwischen Jung und Alt aufrecht erhalten werden.“ Ältere müssten gerade in der Krise früher ausscheiden können um Jüngeren eine Chance auf Ausbildung und Übernahme zu geben.“
Zuvor hatte Daimler-Gesamtbetriebsratschef Erich Klemm ebenfalls weitere politische Maßnahmen zur Stützung der Konjunktur und Absicherung der Beschäftigten eingefordert. Klemm und Hofmann sprachen sich dabei gemeinsam für den Vorschlag aus, die Besteuerung des geldwerten Vorteils für Werkswagenkäufe zurückzunehmen. Zumindest solle die Regelung aber soweit verändert werden, dass die realen Marktpreise und nicht wie derzeit die Listenpreise Grundlage der Besteuerung bilden.
Auf einer Kundgebung in Reutlingen sagte das geschäftsführende Vorstandsmitglied der IG Metall, Helga Schwitzer, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer seien nicht schuld an der Krise, sollten aber jetzt offensichtlich dafür zahlen. „Das ist ein Skandal, den wir nicht hinnehmen werden.“ Die Beschäftigten dürften nicht zu den Opfern der Krise gemacht werden. Die Arbeitgeber hätten zwar schon angekündigt, dass die Krise nicht ohne Entlassungen über die Bühne gehen würde, aber „dagegen wenden wir uns als IG Metall! Das machen wir nicht mit“, so Schwitzer vor 1.450 Kundgebungsteilnehmern. „Eure Arbeitsplätze hier in Reutlingen, in Tübingen und in der Region müssen erhalten bleiben. Eure Arbeitsplätze dürfen nicht der Krise zum Opfer fallen.“ Sie forderte „eine solidarische Lösung in den Betrieben“ um das drohende Beschäftigungsproblem abzufedern, „damit alle Arbeit haben und niemand auf der Straße landet. Dafür müssen Unternehmen sorgen. Dafür muss die Politik sorgen. Und dafür werden wir gemeinsam sorgen. In betrieblichen Auseinandersetzungen, auf der Straße und bei der Bundestagswahl im Herbst.“
Insgesamt haben sich heute über 22.000 Beschäftigte im ganzen Südwesten an Aktionen und Kundgebungen der IG Metall beteiligt.
So sind etwa 800 Beschäftigte dem Aufruf der IG Metall Freudenstadt gefolgt und haben sich in Horb zu einer Kundgebung versammelt. Zu einer Kundgebung in Bietigheim (Kreis Ludwigsburg) kamen gut 1.000 Beschäftigte.
Weitere Aktionen gab es in Aalen (850 Teilnehmer), vor der Heidelberger Druckmaschinen AG in Amstetten (Kreis Göppingen, 1.400 Teilnehmer), in Öhringen (Kreis Schwäbisch Hall, 600 Teilnehmer) sowie vor dem Daimler-Werk in Untertürkheim (3.000 Teilnehmer) und in Stuttgart Feuerbach, wo sich 5.000 Beschäftigte u.a. von Bosch und Porsche zu einer Kundgebung versammelten.
Seit Beginn der Aktionen sind insgesamt über 25.000 Beschäftigte zu Aktionen und Kundgebungen gekommen.
Ausblick:
Morgen (14. Mai) wird der Vorsitzende der IG Metall, Berthold Huber auf einer Kundgebung der IG Metall Ulm auftreten. Die Kundgebung beginnt um 14 Uhr auf dem Weinhof in Ulm. Zuvor startet um 13 Uhr ein Demonstrationszug vom Münsterplatz in Richtung Kundgebungsort. Es werden mehrere Tausend Teilnehmer erwartet.
Ebenfalls morgen spricht IG Metall-Bezirksleiter Jörg Hofmann um 13.30 Uhr in Schwäbisch Gmünd.
Auf einer Kundgebung in Tauberbischofsheim redet morgen außerdem Hubert Dünnemeier von der IG Metall Bezirksleitung. Die Kundgebung findet um 16.30 Uhr auf dem Schlossplatz statt.
In Heilbronn macht die IG Metall-Roadshow Station. Von 9 bis 13 Uhr soll damit auf dem Kiliansplatz die Ausbildungs- und Übernahmesituation thematisiert und die IG Metall Kampagne „Gutes Leben“ vorgestellt werden.
Heidelberger will weitere 2500 Arbeitsplätze streichen - Widerstand der Belegschaft angekündigt
Die vom Vorstand der Heidelberger Druckmaschinen AG angekündigten Maßnahmen zum Personalabbau werden von den Arbeitnehmervertretern nicht mitgetragen - Widerstand angekündigt -
Der Vorstand der Heidelberger Druckmaschinen AG sein "Maßnahmenpaket zu weiteren Kostensenkungen", wie er es bezeichnete, vorgestellt.
Danach sollen weitere 2500 Arbeitsplätze abgebaut werden. Der Zukunftssicherungstarifvertrag, in dem den Beschäftigten gegen wirtschaftliche Zugeständnisse Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen gewährt wird, ist gekündigt worden.
Die genannte Anzahl von weiteren 2500 Kündigungen in Deutschland ist in hohem Maße sozial unverträglich und zeugt von wenig Phantasie, mit allen Beschäftigten die Krise in der Druckmaschinenbranche überstehen zu wollen. Diese neue Maßnahme würde einen Personalabbau in der gesamten Heidelberg-Gruppe seit Oktober 2008 von über 5000 Beschäftigten bedeuten.
Der von der Unternehmensseite jetzt aufgekündigte Zukunftssicherungstarifvertrag II, der bisher betriebsbedingte Kündigungen ausschloss, wurde, aus heutiger Sicht, von der Unternehmensleitung missbraucht, um in guten Zeiten für das Unternehmen Beiträge von den Beschäftigten zu realisieren. Er wird aber gerade jetzt, in Zeiten da Sicherheit für die Beschäftigten gefordert wäre, einseitig aufgekündigt. Eine solche Vorgehensweise ist für die Betriebsräte und die IG Metall nicht akzeptabel. Dieses wird das zukünftige Handeln der Arbeitnehmerseite prägen.
Die gemeinsame Erklärung von Betriebsräten und IG-Metall sieht die Notwendigkeit solch einschneidender Maßnahmen nicht gegeben und kündigt den Widerstand der Arbeitnehmer gegen die Umsetzung der Pläne an.
Die IG Metall befindet sich seit Wochen in einer Tarifauseinandersetzung in der Textil- und Bekleidungsindustrie in Baden-Württemberg. Nun ist die Tarifrunde auch im Filstal angekommen. Über 100 Metallerinnen und Metaller aus den Betrieben Geschmay, Benecke-Kaliko und Coats zeigten am Donnerstag Flagge bei einer Warnstreikaktion in Heidenheim. Dort fand die zentrale Aktion der IG Metall Baden-Württemberg statt. Vor der Paul Hartmann AG sammelten sich die Kundgebungsteilnehmer. Im Demonstrationszug vorbei an den Fabrikfassaden der Hartmann AG und Voith AG waren auch die aus dem Filstal angereisten Gewerkschafter/innen. Mit der ersten Warnstreikaktion nach Ende der Friedenspflicht verlangten die Streikenden, dass der Arbeitgeberverband endlich ein akzeptables Angebot am Verhandlungstisch vorlegt. Der letzte Vorschlag des Verbandes war in den Augen der IG Metall eine Nullnummer. „24 Monate Fastenzeit hätte der Vorschlag bedeutet“, so Renate Gmoser, IG Metall Bevollmächtigte. Dabei sieht die Gewerkschafterin in einem guten Tarifabschluss einen passenden Beitrag die Konjunktur in Schwung zu bringen. „Die Beschäftigten haben kein Verständnis mehr, wenn den Zockern noch Geld nachgeworfen wird und sie sollen die Zeche bezahlen“, so Gmoser.
Die Tarifverhandlungen werden am Montag fortgesetzt. Für die Kundgebungsteilnehmer war klar, dass sie noch eine gute Schippe drauf legen können, wenn es zu keinem Abschluss kommt.
Foto: Streikende aus dem Filstal beim Demozug in Heidenheim
Hast du Oerlikon im Haus, fliegen Leute raus - Oerlikon plant Zinser in Ebersbach ausbluten zu lassen
Ebersbach
Rund 400 Menschen demonstrierten vor dem Ebersbacher Rathaus gegen die Kahlschlagpläne der Firma Oerlikon und für ein Konzept des Betriebsrates, das der Firma eine Zukunft am Standort ermöglichen würde. Die Beschäftigten von Oerlikon streikten außerdem für einen Sozialtarifvertrag.
In einer Betriebsversammlung am Donnerstag wurden die Beschäftigten von Geschmay über den Stand der Verhandlungen zum Abbau der 110 Arbeitsplätze informiert. Für die Arbeitnehmervertreter ist vor allem die Nichtteilnahme von Albany Verantwortlichen an den laufenden Verhandlungen inakzeptabel. Keiner auf der anderen Seite, der Rede und Antwort steht, wohin die Reise bei Geschmay wirklich geht. Nach wie vor ist es für die Belegschaft unverständlich, warum gerade in Göppingen kaum noch ein nennenswertes Zeichen von der Geschäftführungsebene gesetzt wird. „Alles wird abgezogen und an den anderen Standorten gefertigt“, beschreibt Thomas Böhringer, Betriebsratsvorsitzender. Die Versammlungsteilnehmer teilen seine Befürchtung, dass mit dem Abbau von 110 Stellen noch nicht das Ende erreicht ist.
Im Anschluss an die Betriebsversammlung haben die Beschäftigten und die IG Metall
auf ihre Situation auf dem Marktplatz in Göppingen hingewiesen. In einer schriftlichen Information an die Bevölkerung machten die Betriebsräte deutlich, was ihrer Meinung nach vom Management versäumt wurde. Zuvor formulierten die Betriebsräte in einer offenen Mitteilung, die an alle Albany Beschäftigten weltweit verteilt wurde, welche Versäumnisse in der Kundenbetreuung und in der Gewinnung der Märkte festgestellt wurden. In der Hoffnung, dass Konzernleiter Morone sich den Themen annimmt und mit den Vertretern vor Ort in Gespräch kommt. „Wir geben die Hoffnung nicht auf, dass wir noch Gehör finden und unsere Argumente greifen“, so Böhringer. Auch für die IG Metall Bevollmächtigte Renate Gmoser ist die Ignoranz der Konzernspitze sich überhaupt nicht zu bewegen und mit den Verhandlern ins Gespräch zu kommen ein Zeichen, dass weitere Maßnahmen geplant sind. „Das ist neben Märklin eine weitere Katastrophe für die Arbeitsplätze in Göppingen. Die Beschäftigten haben unter Beifall bestätigt, dass sie sich weiterhin für ihre Arbeitsplätze einsetzen und nicht untätig zusehen wollen, was mit der fast 100 Jahre alten Firma passiert. Unterstützt wurden die Versammlungsteilnehmer von der Katholischen Arbeitnehmerbewegung und Netzwerk Arbeitswelt, die mit 110 brennenden Kerzen und dem Schriftzug: Geschmay lebt! Mut für den Kampf um die Arbeitsplätze zu gesprochen haben.
Foto: Betriebsratsvorsitzender Thomas Böhringer wirbt in seiner Ansprache für den Standort in Göppingen.
Läutet Viktor Vekselberg die Totenglocke von Oerlikon?
Artikel aus "work" der Gewerkschaftszeitung der Schweizer Gewerkschaft unia
Zuerst wurde er mies geführt. Dann von den Erbenfamilien zerstückelt. Später nehmen ihn die Finanzhaie aus. Jetzt ist der Oerlikon-Konzern im Würgegriff der Banken. Von Oliver Fahrni - 5.02.2009
1000 Arbeitsplätze im vergangenen August. Nochmals 1000 jetzt. Unter dem Strich hat der Oerlikon-Konzern in zwölf Monaten 2500 Jobs zerstört. «Und das ist erst der Anfang», sagt der Gewerkschafter Peter M., der anonym bleiben will: «Sie nehmen uns Stück um Stück auseinander.»
Vom einstigen Riesenindustriekonzern Oerlikon-Bührle, der Antriebssysteme, Kanonen, Pumpen, Werkzeugmaschinen, Dünnbeschichtungen, Raumfahrtteile, Textilmaschinen, Schiffs- und Eisenbahngetriebe, Flugzeuge, Ultravakuumtechnologie, Schuhe und vieles mehr herstellte, ist immer weniger übrig. Und ob OC Oerlikon mit seinen noch 19000 Beschäftigten das Jahr überlebt, ist ungewiss.
DAS SAURER-DESASTER
Sichtbar ist: Der Hauptaktionär, der russische Oligarch Viktor Vekselberg, strippt den Konzern mit Notverkäufen. Dieser Tage verscherbelte er die Oerlikon- Tochter Esec in Cham, Weltmarkführerin für Chipmaschinen, an die niederländische BR Semiconductor (BESI). Bevor die Holländer im April übernehmen, muss Oerlikon noch über hundert Beschäftigte feuern. Zuvor hatten die Zürcher Manager schon kleinere Bereiche (Blue Ray, Optics, Festplatten) verkauft. Die Ätzerei (Wafer und Photomasken) wurde vom US-Management übernommen.
Und selbst der Saurer-Konzern (Textilmaschinen), von Oerlikon erst vor zweieinhalb Jahren für 2 Milliarden Franken jubelnd übernommen («strategischer Sprung»), steht inoffiziell schon wieder zum Verkauf.
SEIT JAHREN KAPUTTSANIERT
Für die schlimme Lage macht das Management die globale Wirtschaftskrise verantwortlich. Tatsächlich brechen Oerlikon die Umsätze auf breiter Front weg. Der Verkauf von Textilmaschinen etwa stürzte im dritten Quartal 2008 um 60 Prozent ab. Oerlikon ist tief in den roten Zahlen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit: Schlimmer wirken sich heute die langen Jahre von Missmanagement und vor allem die hohe Verschuldung des Konzerns aus.
Unia-Gewerkschafter Peter M., ein Ingenieur, arbeitet (noch) bei der Oerlikon-Tochter Esec. Dort werden hochtechnologische Maschinen vom Feinsten gebaut, die von den grössten Elektronikkonzernen der Welt bei der Halbleiterproduktion eingesetzt werden. Weltmarktanteil: 30 Prozent. Vor zwei Monaten wurde eine dieser Maschinen («Die Bonder 2100 xP»), eine bahnbrechende Neuentwicklung, als innovativstes Schweizer Produkt des Jahres ausgezeichnet.
Eigentlich eine hervorragende Ausgangslage. Doch Esec wird seit Jahren kaputtsaniert. Ende 2004 beschloss das frühere Management, die Produktion nach Singapur zu verlegen. Absurd. Der Arbeitskampf der Esec-Belegschaft, anonym per Internet geführt und von der Unia unterstützt, rettete 270 der über 500 Arbeitsplätze.
Als die Belegschaft und die Unia gemeinsam ein alternatives Industriekonzept gegen die Auslagerung vorlegten, hatte sich herausgestellt, dass die Konzernmanager keine Ahnung von den Möglichkeiten des Maschinenbauers hatten.
Doch kurz darauf kaperten die Finanzhaie des österreichischen Private- Equity-Fonds Victory den Oerlikon- Konzern. Ihnen war Esec immer ein Dorn im Auge: Die Chipmaschinen warfen nicht die erwarteten 20 Prozent Reingewinn ab.
EIN FRESSEN FÜR SPEKULANTEN
Schnelles Geld aber musste sein. Victory-Eigner Ronny Pecik und Georg Stumpf begannen mit Oerlikon einen Raubzug auf die Schweizer Industrie. Im Visier: Saurer. Ascom. Sulzer. Und wie immer rafften sie auf Kredit. Die Zürcher Kantonalbank (ZKB), die Citibank und viele weitere Banken halfen ihnen dabei.
Der Trick geht so: Victory kauft sich ein Aktienpaket. Und wechselt das Management des gekaperten Konzerns aus. Dann zieht man die Substanz aus dem Unternehmen. Zum Beispiel, indem man sehr viele Optionen auf die Aktien ausgibt. Der Preis für eine Oerlikon-Aktie etwa schnellte auf 800 Franken rauf. Nun wird Kasse gemacht. Heute ist die Aktie noch jämmerliche 40 Franken wert.
Die Übernahme von Saurer bereiteten der Hedge-Funds Laxey (der auch Swissmetal geplündert und den Baukonzern Implenia angegriffen hat) und der Blocher-Freund Martin Ebner vor. Sie zogen über 150 Millionen aus der Operation. Der Kauf durch Victory und die Integration von Saurer in den Oerlikon-Konzern wurden mit einem 2-Milliarden-Kredit finanziert. Der lastet heute schwer auf Oerlikon. Er könnte den Konzern zerstören. Er ist in der Schuldenfalle: 19 Gläubigerbanken machen Druck. Pecik und Stumpf haben sich sukzessive und mit hohen Gewinnen aus Oerlikon, Sulzer, Ascom zurückgezogen, Viktor Vekselberg hat ihre Aktien übernommen (Pecik hält an Oerlikon noch ein 12-Prozent-Paket).
Ob Vekselberg, der am russischen Öl- und Gasgeschäft mitverdient, Oerlikon halten kann, weiss niemand. Es geht das Gerücht, dass er eine Fusion mit Sulzer, wo er der dominierende Aktionär ist, plane. Möglicherweise mit Sulzer und dem angeschlagenenen Rieter-Konzern.
Vorerst aber muss er die Kreditbanken bedienen. Dafür greift er vielleicht sogar ans Tafelsilber: Banker raunen, Vekselberg erwäge den Verkauf der weltweit erfolgreichen Oerlikon- Tochter Balzers (Beschichtungen). Sie ist, noch vor der Solarsparte, das Prunkstück der Gruppe.
Brennende Kerzen und Spruchbänder für Geschmay
Nur ein kleines Schild auf dem Parkplatz deutet darauf hin, hier ist der Firmensitz der Albany International Europe. Nun brennen auf dem leeren Parkplatz vor dem modernen gläsernen Bürogebäude 110 Kerzen mit dem Schriftzug: Geschmay lebt!
Am frühern Freitagmorgen fuhren über 200 Beschäftigte der zum Albany Konzern gehörenden Firma Geschmay aus Göppingen, Unterstützer der Katholischen Arbeitnehmerbewegung und Netzwerk Arbeitswelt Göppingen nach Schaffhausen-Neuhausen in die Schweiz. Tief im Inneren der Busse warteten neben der Reiseverpflegung die selber geschrieben Transparente und Spruchbänder darauf, vor Ort während einer einstündigen Demonstration ausgepackt und gezeigt zu werden. Die Mitreisenden zeigten große Unterstützung für die vom Betriebsrat und der IG Metall Göppingen-Geislingen organisierten Demofahrt. Obwohl im Vorfeld bekannt wurde, dass sich Geschäftsführer Daniel Halftermeyer, der für den europäischen Markt und damit für Geschmay zuständig ist, nicht wie geplant und erwartet im modern direkt am Rhein liegenden Gebäude anwesend war. So trafen die motivierten Kundgebungsteilnehmer/innen dunkle Bürofenster an. Nur in den unteren Stockwerken zeigten sich interessierte Beschäftigte anderer Unternehmen. Kurz nach Beginn der Aktion kam ein Vertreter der Firmenleitung. In perfektem Englisch übergab der Betriebsrat Fragen an Halftermeyer, die nun die Grundlage für die anstehenden Verhandlungen sind.
Dank der Kontakte der IG Metall zur schweizerischen Gewerkschaft UNIA und deren gute Vorarbeit war es möglich, begleitet von der Polizei Schaffhausen vor dem Firmenssitz die Demo abzuhalten. Metallerinnen und Metaller mit roten Mützen schwenkten Fahnen und endlich konnten die selber gemalten Transparente und Banner gezeigt werden. Sie drücken die Forderungen und den Ärger der Demoteilnehmer/innen aus. Der Erhalt der 110 Arbeitsplätze die bis Ende März abgebaut werden sollen und damit den langfristigen Erhalt aller 310 Arbeitsplätze in Göppingen. Geschmay als Melkkuh für den Albany Konzern und die Salamitaktik, die seit Jahren zu ständigem Personalabbau führte. So beschrieb Betriebsratsvorsitzender Thomas Böhringer in seiner Ansprache, dass die Beschäftigten bei Geschmay die ganzen Jahre über für ihre gute Produktivität und Flexibilität gelobt wurden und sie somit einen wesentlichen Beitrag zum Unternehmenserfolg geleistet haben. „Dafür sollen wir nun die Zeche zahlen? Wir wollen unsere Arbeitsplätze erhalten. Alle!“
Renate Gmoser, IG Metall Göppingen-Geislingen, ärgerte sich darüber, dass die wirtschaftlichen Argumente nicht mehr zählen und die Strategie der amerikanischen und europäischen Zentrale darauf ausgerichtet ist, den Betrieb in Göppingen mittelfristig unrentabel zu machen und einseitig das Werk in Schweden auszulasten. Auch die mitgereisten Vertreter der Katholischen Arbeitnehmerbewegung und Netzwerk Arbeitswelt forderten auf, den Mensch in den Mittelpunkt zu stellen und sie fanden anerkennende und lobende Worte für die gelungene Aktion. Als Symbol des Advents zündeten sie 110 Sturmkerzen an, die am Ende nach einer Menschenkette um das Bürogebäude herum während einer Schweigeminute eine besondere Stimmung aufkommen ließen. „Wir brennen für Geschmay!“