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5. BESUCH GULBAHAR UND JEBEL SARADJ |
Die Fahrt in die beiden Orte wurde zusammen mit den Herren Ghiasi, Bhador, Khalill am 13. Und 14.03. im Dienstfahrzeug der ATC durchgeführt.
Zur Verdeutlichung der Strecke hier eine kleine Übersicht:
Zeit Ort Km/Stand Gesamt
6:05 Abfahrt Spinzar Hotel 654 0
6:30 Golai Park 665 11
6:45 kleiner Pass, nördlich Kabul 670 16
7:05 Saray Khodja 694 40
7:10 Abzweig Istalif 703 49
7:25 Abzweig Baghlan 713 59
7:50 Sharikar 726 72
8:00 Ankunft Jebel Saradj (Klub) 742 88
9:05 Abfahrt (nach Frühstück) 742 88
9:25 Ankunft ATC Gulbahar 756 102
Die Ortschaft Jebel Saradj liegt an der Hauptstraße die in weiterem Verlauf über den Hindukush (Salang Pass) nach Norden führt. In dieser Ortschaft abzweigend geht der Straßenverlauf nach Gulbahar (von dort in das Panshir-Tal) und im alten Teil von Gulbahar sich teilend zur ATC.
Die Begehung der Produktionsstätten dauerte den ganzen Tag und den Folgetag bis in den späten Nachmittag an. Einige Einzelheiten aus meinem privaten Tagebuch:
...erscheint im ersten Moment durch das Haupttor so, wie ich sie seit meinem letzten Tag in Erinnerung habe. Es sind ca. 50 – 60 Menschen zur Begrüßung versammelt. Der dortige Direktor, Herr Mohammad Jaffar, der Bürgermeister, die Abteilungsleiter, Wachleute und Besitzer von dicken Schlüsselbunden. Große Begrüßung und Händeschütteln. Dann ein freudiger Schreck bei mir, Anwar, ein früherer Lehrling vor 30 Jahren, begrüßt mich so, als wäre ich nur kurz im Urlaub gewesen. Anwar, ein stattlicher, gutaussehender Mann mit gepflegtem, leicht ergrauten Bart macht eine gute Figur. Wir unterhalten uns von den früheren Zeiten. Er erzählt noch von Saidjan Siddik und Abdul Ghafur (frühere AZUBIS aus der ersten Stunde) die in Pakistan und Iran sind, offensichtlich gibt es dorthin Kontakte, sowie weiteren mir noch bekannten Männern.
Mir fällt auf, die Namen der früheren Entwicklungshelfer sind vielfach auch noch bekannt und reichten tatsächlich vom Beegen-sahib bis Nurullah (Bergmann).
Der Rundgang
beginnt am Haupteingang. Ich erkenne nunmehr schon starke Schäden an Gebäuden. Die gesamte Verwaltung rechts neben dem Haupttor ist zerbombt und ausgebrannt. Da ist ein gesamter Neubau notwendig. Wir kommen nach links zu den Werkstätten. Die Hauptwerkstatt ist bis auf 2-3 m Höhe eingefallen und nur noch als Ruine zu erkennen. Der gesamte Bau hatte einen Grossbrand, die Maschinen sind total bis sehr stark beschädigt, und nun durch Nässe verrostet. Vielleicht läßt sich das eine oder andere noch verwenden. Der gesamte Bau inkl. Gießerei muss neu aufgebaut werden.
Das Gebäude der früheren Lehrwerkstatt (und angrenzender Ankerwickelei) ist auch sehr schwer beschädigt. Das gesamte Dach der Lehrwerkstatt fehlt, dort ist nichts mehr vorhanden, die Stahlkonstruktion des “Hochbüros” steht solide da, Saidjan hat offensichtlich gut geschweißt. Zwischen den beiden Gebäuden sind noch unter der Dachkonstruktion letzte unausgepackte Lieferungen in großen Holzkisten vorhanden. Daran sind sehr viele Einschläge von Gewehrkugeln zu sehen. Offensichtlich hat hier lange Nahkampf stattgefunden.
Das Gebäude des Baumwollagers hat kein Dach mehr, näheres nicht besichtigt. In der Spinnerei ist es stockdunkel, eine Gaslaterne vor und eine am Ende des Besichtigungstrupps bringt nur stellenweise Licht auf die zu besichtigenden Maschinen. An einigen Stellen Bomben- oder Granatentreffer durch das Dach, darunter dann grosse Wasserpfützen die durch Verdunstung die zu erkennenden großflächigen Korrosionsschäden hervorrufen. Punktuell Einzelheiten ertastet und fotografiert. Hier muss eine genauere, mehrwöchige Bestandsaufnahme Klarheit bringen.
Das Kraftwerk zeigt äußerlich starke Gebäudeschäden, Glasscheiben sind nicht mehr vorhanden, Witterungseinflüsse brachten im Gebäudeinnern weiteren Schaden. Die Kessel sind in einem Zustand, der mit absoluter Sicherheit als nicht mehr brauchbar eingestuft werden kann. Der Gesamtzustand der Turbinen und Stromgeneratoren muss einer Einzelprüfung unterzogen werden, der erste Eindruck ist jedoch nicht sehr positiv. Mir wurden viele Stellen gezeigt, an denen die “Kupferdiebe” aktiv waren und ab fingerdickem Elektrokabel in allen erdenklichen Längen abgesägt hatten. Es wird in der “Begleitmannschaft” gewitzelt: “mush chord”, die Mäuse haben es gefressen. Der beste Zustand ist noch in der Wasseraufbereitung zu registrieren, dort kann mit relativ wenig Aufwand recht rasch eine Herstellung zur Gesamtnutzung erreicht werden.
Die Weberei ist mit einigen Gebäudeschäden und alterungsbedingten Abnutzungen anscheinend in einem brauchbaren Zustand. Die Maschinenausstattung ist nach erstem Anschein trotz Alterung und langjährigem Nutzungsstillstand weitgehend unbeschädigt geblieben. Ob die dort vorhandenen punktuell zu erkennenden Korrosionsschäden und Abnutzungserscheinungen noch ein wirtschaftliches Arbeiten erlauben, bedarf einer sehr genauen Prüfung und Einzeluntersuchung. Große Skepsis ist hier trotz des bei dem afghanischen Personal vorhandenen Zweckoptimismus angesagt.
Die Ausrüstungsabteilung und auch die Färberei haben im Wesentlichen keine Schäden und Mängel zu verzeichnen. Zwar ist hier der gesamte Stand der Technik als möglicherweise funktionsfähig, jedoch als veraltet zu bezeichnen. Dies fängt an bei verschmutzten Transportmitteln mit fehlenden Rädern, erstreckt sich über Schnellreparaturen an Maschinenteilen bis hin zu abzustellenden Defekten oder Mängeln der Einzelabläufe von Produktionsschritten.
In der Kantine ist außer dem Abgrenzungsgeländer zur Essensausgabe nichts Brauchbares mehr zu erkennen. Dieses Gebäude macht trotz noch vorhandenem Dach optisch den schlechtesten Eindruck.
Auf dem gesamten Fabrikgelände sind Patronenhülsen jeglichen Kalibers und andere Munitionsteile, sowie militärisches Gerät und Teilausrüstung zu finden. An einigen Stellen sind Fliegerabwehrkanonen oder übrig gebliebene Teile davon positioniert.
Insgesamt sind überall z.T. aufwendige Reparatur-, Ausbesserungs- und Renovierungsarbeiten notwendig. Dies ist jedoch nach Sichtung weiterer Witterungsschäden, abschnittsweise nach und nach sinnvoll und möglich. An vielen Stellen ist Ungeziefer und sonstiges Getier vorhanden (Ratten, Mäuse, Skorpione, Stachelschweine, Tauben…)
An dieser Stelle kann gesagt werden, dass zwar die afghanischen Entscheidungsträger sowie auch die in Gulbahar noch vorhandene Restbelegschaft voller Hoffnung ist, die Produktion mit den noch instand zu setzenden Maschinen und Anlagen wieder aufnehmen zu können. Es bestehen jedoch nach Augenscheinnahme von wichtigen Produktionsteilen bei mir Zweifel, ob dies mit den zur Verfügung stehenden (Fach- ?) Kräften möglich ist und aus wirtschaftlichen Erwägungen (Alter der Maschinen ca. 35 – 50 Jahre !) noch sinnvoll erscheint.
Dies muss jedoch nach Einzelprüfung und sorgfältiger Überlegung vor Ort geschehen. Hierbei ist die Meinung der Einheimischen weitestgehend zu berücksichtigen, jedoch sollten von Seiten der deutschen Hersteller von Textilmaschinen größtmögliche Hilfestellungen zur Entscheidungsfindung gewährt werden.
Es ist hierbei nahezu unerläßlich innerhalb der beteiligten Firmen eine Abstimmung herbeizuführen und gemeinsam mit den noch einzurichtenden Beratungs- und Ausbildungsstellen der deutschen technischen Hilfe eine Koordinierung zu erzielen.
In Jebel Saradj ist die dortige ATC-Weberei nur noch als zerschossene, zerbombte Totalruine erkennbar. Der linke Bereich der Verwaltungsräume (hinter dem Eingangstor) ist noch intakt und wird genutzt. Alles andere kann nur noch abgerissen werden und möglicherweise unter eingestürzten Decken und Dächern noch vorhandene Maschinen- und Ausrüstungsteile als Schrott verkauft werden. Der gesamte Komplex hat nur noch Wert im vorhandenen, günstig liegenden Grundstück. Dies ist bei der sicherlich recht rasch einsetzenden Entwicklung nicht zu unterschätzen. |
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