Ein Hintergrund-Bericht |
Neonazis möchten es sich in Jena gemütlich machen / Rechtsextreme setzen die Stadt unter Druck, endlich für Jugendliche ein Zentrum einzurichten / Von Heike Kleffner (Jena)
Wenn Ralf Wohlleben vom Nationalsozialismus redet, klingt das etwa so, als preise ein Pharmavertreter ein neues Kopfschmerzmittel an. Der 26-jährige Fachinformatiker, der mit seinem weißen Strickpullover und dem ordentlichen Kurzhaarschnitt unter Passanten in der Innenstadt von Jena nicht weiter auffällt, gehört als Pressesprecher der Thüringer NPD und Jenenser Kreisvorsitzender der rechtsextremen Partei zur jungen Garde. Für ihn ist "Nationalsozialismus eine Politikform wie andere auch".
Seit Juni 2000 ist Wohlleben eines von zehn gewählten Mitgliedern des Ortschaftsrates im Jenaer Neubaugebiet Winzerla. Sein Zuständigkeitsbereich: "Jugend". Parteipolitik spiele in dem Gremium, das lediglich beratende Funktion habe, "keine Rolle", betont der Winzerlaer Ortsbürgermeister Mario Schmauder (CDU). Deshalb gebe es mit dem NPD-Mann, der sich als Parteiloser zur Wahl stellte, "eine friedliche Koexistenz". Wohlleben sei ein "offenes Kerlchen", der die Webseite für den Ortschaftsrat bastelte und mit dem man "ganz privat" nach Sitzungen schon mal ein Bier trinkt .
An diesem Image arbeitet Wohlleben hart. Schließlich versucht die NPD in Jena gerade den Aufbau eines "nationalen Jugendzentrum" durchzusetzen. Offiziell behauptet Wohlleben, sein Kreisverband unterstütze lediglich das Anliegen von knapp 40 "nationalen Jugendlichen", die wegen "ihrer Kleidung und ihrer Musik" ausgegrenzt würden. Denen möchte er "eine Heimat" bieten. Unter dem Deckmantel einer "Initiative Jugend für Jena" starteten die Neonazis im vergangenen Herbst eine Kampagne, um die Stadt unter Druck zu setzen. Der Besuch von drei Dutzend Jungskins bei einer Stadtratssitzung, eine eigene Internetseite und eine Kundgebung von rund 100 Rechten im Januar sorgten für Schlag-zeilen und polierten das Image der NPD unter rechten Jugendlichen auf.
Wohlleben redet offen über die Vorbilder für diese Kampagne, die nach Ansicht des örtlichen IG-Metall-Vertreters Michael Ebenau "eine buchstabengetreue Umsetzung des Konzepts zum Aufbau so genannter national befreiter Zonen" darstellt. "Selbstverwaltet" solle der Club sein, so wie im sächsischen Zittau, wo die Stadt dem rechtsextremen Nationalen Jugendblock ein eigenes Haus samt einem Pachtvertrag über zwölf Jahre überlassen hat. Auch für Kontakte zum NPD-Kreisverband Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern sorgte Wohlleben. Der Verband habe schließlich eine "Menge Erfahrungen" in der Jugendarbeit. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit wurde kürzlich an Jenenser Schulen verteilt - der Nachdruck einer rechtsextremen Schülerzeitung aus Greifswald, die demnächst in Jena einen eigenen Ableger haben soll.
Auch ohne Club machen die Rechten Angebote: Etwa mit Busfahrten zu Großaufmärschen der NPD wie am 1. Dezember in Berlin oder in Gaststätten, "in denen es dem Wirt egal ist, woher das Geld kommt", wie Wohlleben anmerkt. Geht es nach Albrecht Schröter (SPD), Sozialdezernent der Stadt, werden die Rechten mit ihrer Forderung nach einem eigenen Jugendclub in Jena allerdings auf Granit beißen. Denn "diese Häuser dienen zur Rekrutierung von Jugendlichen". Doch die Rechtsextremisten wollen nicht locker lassen. Von "weiteren kreativen Aktionen der Jugendlichen" spricht Wohlleben geheimnisvoll. Näheres könne er nicht sagen, nur so viel: "Gewalt als politisches Mittel" lehne er ab. Dass er wegen Körperverletzung und Nötigung verurteilt wurde, weil er gemeinsam mit einem Dutzend Neonazis zwei junge Frauen dazu zwingen wollte, Namen und Adressen von linken Jugendlichen preiszugeben, erwähnt er nur ungern. Kein Geheimnis macht Wohlleben dagegen aus der guten Zusammenarbeit zwischen der NPD und den militanten neonazistischen Kameradschaften in Thüringen. Und daraus, dass ihn die aktuelle Diskussion um die V-Männer des Verfassungsschutzes in der Partei, der er seit 1998 angehört, kalt lassen. "Damit, dass Leute für den Verfassungsschutz arbeiten, muss man rechnen", sagt der Nachfolger des V-Manns Tino Brandt ganz im Stil der NPD-Spitze. Er lasse sich von den jüngsten Enthüllungen nicht beeinflussen. Auch das Verbotsverfahren schreckt ihn nicht. "Warum sollte ich davor Angst haben? Schließlich lässt sich die Idee sowieso nicht verbieten."
Und sollte es in Jena nicht klappen, bleibt immer noch das Umland. Etwa die 20 Kilometer entfernte Gemeinde Kahla. "Da haben wir Kontakt zu 20 nationalen Jugendlichen mit einem eigenen Treffpunkt", sagt Wohlleben.
(Frankfurter Rundschau, 08.02.2002)
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